Faszination Tod

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Bilder des Todes  ca. 1523 entworfen um 1525 vollendet von Hans Holbein d. J. (1497/98–1543 ), eine Folge von 41 Zeichnungen bzw. Holzschnitten vom Holzschneider Hans Lützelburger

 

Das Thema Tod beschäftigte bereits viele Generationen von Künstlern und immer wieder wurde er neu interpretiert. Für mich sind die Bilder des Todes eines der spannendsten Themen überhaupt.

Der Totentanz entstand aus einer Dichtung, in der ein Dialog zwischen dem Tod und den Menschen geführt wird. Diese Wechselreden wurden in absteigender Reihenfolge gegliedert – sie begannen  beim Ranghöchsten, dem Papst und endeten mit den Bauern. Die bildliche Darstellung des Totentanzes gibt es seit dem 14. Jh. Sie zeigt die Macht des Todes über das Menschenleben.

Um 1410 entstand in Frankreich in La Chaise Dieu eines der ersten Wandgemälde, das die Thematik des Totentanzes zeigt. Dieser Typus des Wandgemäldes sollte sich daraufhin in weiteren französischen Orten entwickeln, wie in Amiens, Angers, Dijon und Rouen. Im Laufe der Geschichte inspirierte diese Darstellung auch andere Künstler außerhalb  Frankreichs.

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Im deutschsprachigen Raum entstand das Wandgemälde der Lübecker Totentanz von Bernt Notke um 1460. In diesem wird der Tod so dargestellt als wäre er der Menschheit stets auf den Fersen –  eine Darstellungsweise die charakteristisch ist für das Mittelalter. Sie stellt die Religion als geistliches Heilmittel gegenüber dem menschlichen Übermut. Der Tod in Form eines Skelettes und nur mit einem losen Stofffetzen bedeckt, hält jeweils rechts und links eine Person fest. Diese Menschenkette ist der Dichtung entlehnt und hierarchisch geordnet. Während sich die Figuren aufgrund ihrer gesellschaftlichen Ränge im Leben unterscheiden, so sind sie im Angesicht des Todes alle gleich. Der Tod nimmt keine Rücksicht auf Rang oder Stand.

Die Personen auf dem Wandgemälde sprechen den Tod jeweils in Versen an. Dieser antwortet und wendet sich mit dem letzten Vers dem nächsten Tanzpartner zu. Der Tod unterscheidet sich in seiner grotesken fröhlich tanzenden Haltung deutlich von den Menschen, die offensichtlich dazu gezwungen werden zu tanzen. Solche Wandgemälde, wie der Lübecker Totentanz waren im späten Mittelalter im Raum Europa üblich. Sie waren an Kirchhofsmauern und Kreuzgängen zu finden und mehrere Meter lang. Der  Lübecker Totentanz ist etwa 30 Meter lang. Auch in Basel gab es solche Werke, so zum Beispiel die Bildfolge im Klingenthaler Nonnenkloster. Ein Weiteres befand sich an den Kirchhofsmauern des Dominikanerklosters, welches unter dem Namen Tod von Basel bekannt war. Das Kloster lag nicht weit entfernt vom Wohnhaus Holbein des Jüngeren.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass Holbein das Bildthema der Totentanz gut bekannt war. Über die Jahre versuchte er das Thema weiter zu entwickeln und neu zu interpretieren. Er wollte den Tod vermenschlichen, denn klar war, dass alle Menschen egal welchem Stand sie angehörten ihm irgendwann begegneten. Die Deutung des Todes war nicht länger der Kirche vorbehalten – durch Holbein wurde er zum Mainstream wie man heute sagen würde. Dabei verwendet der Künstler nicht den üblichen Reigen sondern untergliedert diesen in einzelne Szenen.

Holbeins Bilder des Todes bestehen aus 41 Zeichnungen, die der Formschneider/Holzschneider Hans Lützelburger bis 1526 geschnitten hat. Der in Lyon tätige Buchdrucker Melchior Trechsel hatte die Stöcke in Basel bestellt, um diese für den Buchdruck verwenden zu können.

Die einzelnen Szenen, die Holbein schuf, sind von einem neuen Geist geprägt. Jede Szene spricht für sich. Die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle. Die Zeichnungen sind von einem kosmopolitischen Verständnis geprägt, welches durch  den  Humanismus und die Reformation  geprägt wurde.

Der Tod erscheint nicht mehr als abstraktes Schema sondern wird individualisiert und mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet. Er greift auf unterschiedliche Weise direkt in das Leben ein. Aber auch bei Holbein macht der Tod Unterschiede – er beendet das Leben eines Menschen manchmal brutal, manchmal behutsam.

Die 41 Szenen sind auf einer rechtwinkligen Fläche von je 6,5 x 5 cm Größe zu sehen. Auf dieser kleinen Fläche gelang es Holbein die neuen künstlerischen Mittel einzubeziehen, welche durch die Renaissance nach Basel kamen.

Es entstanden Szenen mit Perspektive und Einbeziehungen des Hintergrundes durch Bauten und Möbel der Renaissance – hinzu kamen Wolken, Bäume und Wellen. Zu einem Mittel der Renaissance griff Holbein jedoch nicht, er verwendete keine antiken Kostümierungen seiner Figuren. Seine Menschen trugen die übliche Kleidung der Zeit. Auch die Naturdarstellungen lassen keine Wüste oder gar Exotik erkennen sondern ausschließlich die Landschaft um Basel. So verwurzelte Holbein die Szenen des Todes in der realen Welt und Zeit ihrer Entstehung.

Die folgenden Beispiele zeigen den fantasievollen Witz Holbeins im Umgang mit dem Thema.

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Der Reichmann muss mit ansehen, wie ihm sein Geld durch den Tod gestohlen wird.

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TB4Die Nonne wird mehr als Dirne dargestellt, kniend und sich lieber dem Liebhaber hingebend als dem Gebet.

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TB5In der Szene der Papst sitzt dieser auf einem prunkvollen Sessel und auf dem Baldachin lauert ein Teufel, der die Seele des Papstes haben will. Ein weiterer Teufel hält eine päpstliche Bulle und hinter dem Kardinal grinst der Tod.

In diesen Szenen zeigt Holbein den Wohlhabenden und den Geistlichen stets als jemanden, dem man nicht trauen kann und der deshalb vom Tod zu Recht bestraft wird. Holbein steht mit seinen Szenen als Kritiker gegenüber den Machthabenden und wurde als Solcher auch von den Menschen jener Zeit erkannt.

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TB6Auch die Szene der Kaiser macht dies deutlich. Der Mann mit dem zerbrochenen Schwert ist Kaiser Maximilian I. Statt sich auf die Einigung des Reiches zu konzentrieren, verfolgt er seine eigenen privaten Interessen. Holbein bestärkt mit seiner künstlerischen Aussage die öffentliche Forderung nach einer Reichseinheit.

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TB7TB8Außerhalb der ständischen Darstellungen sind die Szenen friedlicher. Der Tod ist als Freund des Menschen und nicht als dessen Feind dargestellt. Holbein zeigt in den zwei Szenen der Alte Mann und das Alte Weib, wie der Tod den Menschen in einer aufmunternden Haltung begegnet. Mit Musik und ohne Zwang oder Spott werden die Menschen beschützend auf ihrem letzten Weg begleitet.

TB9Auch den Armen ist der Tod behilflich. So wird in der Szene der Ackerman dem Bauern beim Pflügen geholfen, in dem er mit der Peitsche die Pferde antreibt und der Pflug leichter durch das Feld gleitet. Bei dieser Szene zeigt sich auch die Tiefenwirkung der Landschaft einmal mehr sehr deutlich.

Es gelingt Holbein auf engstem Raum eine Fülle von Darstellungen unterzubringen ohne die Hauptakteure in den Hintergrund zu stellen. Jede einzelne Szene wirkt immer wieder individuell und unterscheidet sich grundlegend von den Totentanz Bildern früherer Tage.

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Alle 41 Holzschnitte (Link)

Weiterführende Literatur:

Egger, Franz: Basler Totentanz, Basel 20092.

Kaiser, Gert (Hrsg.): Der tanzende Tod. Mittelalterliche Totentänze, Frankfurt a. M.19836.

Pinder, Wilhelm: Holbein der Jüngere und das Ende der Altdeutschen Kunst, Frankfurt 19512.

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